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Prozeßautomatisierung und Prozeßsicherheit (PAPS)
durch Workflow-Management
1. Workflow-Management
1.1 Kette aller Prozesse
Zunächst möchte ich definieren, was wir unter dem Begriff
Workflow-Management verstehen. Nach dem Sinn des Wortes bedeutet
Workflow-Management nur Steuerung des Arbeitsflusses. Dabei darf unter Arbeitsfluß
allerdings nicht nur der Ablauf eines einzelnen Prozesses verstanden werden.
Ein Workflow enthält vielmehr eine Kette von Prozessen.
Workflow-Management in dem hier verstandenen umfassenden Sinn beinhaltet die Kette aller
Prozesse von dem Angebot an bis zur Auslieferung des fertigen Produktes
bzw. Vollendung der Dienstleistung und deren Abrechnung. Nur bei einer
Integration aller verwaltungstechnischen, produktionstechnischen und
sonstigen Prozesse kann die gewünschte und vorgestellte Automatisierung
erreicht werden.
1.2 Horizontale und vertikale Betrachtungsweise
Workflow-Management darf ferner nicht nur als Instrument eines
Produktions- oder Dienstleistungsbetriebes verstanden werden, mit dem der
Arbeitsfluß im eigenen Aufgabenbereich gesteuert wird. Erforderlich ist
vielmehr neben dieser horizontalen Betrachtungsweise auch eine vertikale. Im
Vordergrund steht nicht der einzelne Betrieb, sondern die notwendige
Prozeßkette von der Initialisierung bis zum Endergebnis. Dabei ist es
grundsätzlich nicht von Bedeutung, ob die einzelnen Prozesse in Gruppen aufgeteilt
sind, die innerhalb einer betrieblichen Einheit ablaufen, oder ob die Prozesse
auf mehrere betriebliche Einheiten aufgeteilt sind. Praktisch bedeutet das:
Workflow-Management muß auch dann alle notwendigen Prozesse
umfassen, wenn eine Druckerei nicht über eine Druckvorstufe, eine Buchbinderei
und eine eigene Auslieferung verfügt, sondern sich insoweit auf Vor- bzw.
Nachverarbeiter stützt.
1.3 Arbeitsstrecken
Für die Herstellung eines Produktes (Ware oder Dienstleistung) wird
vorausplanend und/oder aufgrund vorhandener Erfahrungen eine
Aneinanderreihung ausgewählter Prozesse aus einer möglichen Menge von Prozessen
vorgesehen, nennen wir es Arbeitsstrecke. Für verschiedene Produkte,
Produktvarianten oder Dienstleistungsergebnisse sind verschiedene
Arbeitsstrecken vorgesehen, die sich grundlegend voneinander unterscheiden oder
auch nur Modifikationen anderer Arbeitsstrecken sein können. Für die
Herstellung eines bestimmten Produktes oder die Erreichung eines bestimmten
Dienstleistungsergebnisses ist jedoch stets der konsequente Durchlauf einer
ganz bestimmten Arbeitsstrecke vorgeplant.
In der Praxis ist es dann allerdings nicht immer möglich, die vorgesehene
Arbeitsstrecke konsequent durchzufahren. Auftretende Fehler verschiedener
Art können häufig nicht nur durch Reorganisation eines Prozesses behoben
werden, sondern erfordern neue Prozesse, die in die vorgeplante
Arbeitsstrecke eingefügt werden müssen, oder sie erfordern die Nutzung einer
existierenden anderen Arbeitsstrecke gegebenenfalls unter Abbruch der
aktuellen. In besonderen Fällen kann auch nur die kurzfristige Schaffung einer
neuen Arbeitsstrecke aus dem aktuellen Dilemma helfen.
1.4 Instanzen
Eine Arbeitsstrecke setzt sich aus mehreren Teilaufgaben zusammen. Vor
allem in der Vorstufe gibt es eine fast unübersehbare Zahl von Programmen,
die jedes für sich bestimmte Teilaufgaben lösen. Eine Software, die eine
solche Teilaufgabe löst, ist im gesamten Workflow nur eine Instanz. Eine
Instanz kann wiederum mehrere Prozesse umfassen. Verbreitet ist die
autonome Steuerung der eigenen Prozesse durch die beherrschende Instanz.
Möglich und in einigen Fällen auch realisiert ist es aber auch, daß die Instanz
darüber hinaus die von ihr beherrschten Prozesse anderen Instanzen oder
einem übergeordneten Manager zur Verfügung stellt.
2. Intelligente Steuerung
2.1 Prozeßkontrolle
Workflow-Management bedeutet - richtig verstanden - die intelligente
Steuerung von Instanzen oder einzelner Prozesse zur Erreichung eines
gesetzten Ziels. Die intelligente Steuerung setzt zunächst voraus, daß alle zur
Erreichung des Ziels einsetzbaren einzelnen Prozesse, Instanzen und
Arbeitsstrecken bekannt und definiert sind. Um auftretende
Unregelmäßigkeiten ausgleichen zu können, sind ferner Ausweich- und Ersatzprozesse sowie
gegebenenfalls alternative Prozesse, Instanzen oder Arbeitsstrecken
vorzuhalten, auf die ausgewichen werden kann. Um bei auftretenden
Unregelmäßigkeiten mit den bereitstehenden Mitteln angemessen reagieren zu können,
ist ferner die permanente Kontrolle der einzelnen Prozesse, Instanzen und
Arbeitsstrecken erforderlich.
2.2 Verständigung
Eine permanente Prozeßkontrolle ist nur möglich, wenn ein übergeordneter
Manager die Sprache jeder einzelnen Instanz versteht und spricht und jede
einzelne Instanz auch mit ihm kommuniziert. Da es praktisch kaum möglich
erscheint, daß jede Instanz oder auch nur ein Manager alle Sprachen
versteht und spricht, bedarf es der Verwendung einer einheitlichen
Verständigungssprache. In der Datentechnik bedeutet das, daß neben anderen
einheitlichen Merkmalen vor allem eine einheitliche Struktur und ein
einheitlicher Code verwendet werden muß. Die Daten müssen also für den für die
Verständigung zwingend notwendigen Austausch normiert sein.
3. Workflow-Management mit einem Jobticket
3.1 PJTF (portable job ticket format)
Die Bestrebungen derjenigen, die auf PDF setzen, zielen darauf, den
Workflow über das Jobticket-Format von PDF (PJTF) zu steuern. Ein
Jobticket, in dem prozeßtechnische Informationen dokumentiert werden, die von
anderen Instanzen ausgewertet werden können, erscheint durchaus sinnvoll.
Fraglich ist jedoch, ob das von Adobe gewählte PJTF dazu geeignet ist.
Das PJTF ist zunächst einmal ein proprietäres Format. Es erfordert eine
genaue Beachtung und Einhaltung der Vorgaben von Adobe. Die Frage ist, ob
dieses Erfordernis angesichts der Tatsache, daß auch z.B. die Red-Book-
Vorgaben und die DSC-Konventionen von Adobe nicht eingehalten werden,
als erfüllbar angesehen werden kann. Nach den Erfahrungen im PostScript-
Bereich kann davon eher nicht ausgegangen werden.
Von Bedeutung erscheint auch, daß das Jobticket-Format von Adobe zwar
maschinenlesbar ist, jedoch nicht so ohne weiteres vom "unbewanderten"
Anwender gelesen werden kann. Diese Tatsache erscheint eher hinderlich.
Hier stellt sich die Frage, ob der gewünschte Zweck nicht z.B. durch eine
den PPD-Dateien ähnliche Struktur im ASCII-Code, die sich zudem in fast
jedem handelsüblichen Editor erfassen und verändern läßt, besser zu
erreichen wäre. Je einfacher die Struktur und je offener die Codierung, um so
erfolgreicher dürfte das Format sein. Das kann PJTF jedenfalls nicht für sich in
Anspruch nehmen.
Von Kennern des PJTF wird immer wieder hervorgehoben, daß PJTF nicht
alle Anforderungen erfüllt, die an ein Jobticket zur Steuerung des Workflows
gestellt werden müssen. Aus diesem Grunde gibt es auch bereits Jobticket-
Software, die ein eigenes Format verwendet und das PJTF in dieses Format
bzw. aus dem PJTF in das eigene Format übersetzt. Damit ist jedoch eine
einheitliche Sprache für die Verständigung aller an einer Arbeitsstrecke
beteiligten Instanzen mehr als in Frage gestellt.
3.2 Grundsätzliche Eignung eines Jobtickets
Ob PJTF oder ASCII-Jobticket oder ein anderes, es stellt sich die Frage, ob
durch die Verwendung eines Jobtickets ein echtes Workflow-Management
realisierbar ist. Das ist nicht der Fall.
Ein Jobticket ist lediglich ein Dokument, in das Anforderungen,
Eigenschaften, Ergebnisse usw. niedergeschrieben werden. Ein Jobticket ist also
allenfalls dazu geeignet, prozeßtechnische Tatsachen zu dokumentieren. Alle
Aktionen, die von den prozeßtechnischen Tatsachen abhängen, müssen von
der jeweiligen Instanz initiiert werden. Das bedeutet, daß jede Instanz über
eine umfangreiche Mimik zur Steuerung differenter Aktionen im eigenen
Wirkungskreis haben muß, die vom Ergebnis der vorlaufenden Instanz
abhängig sind. Selbst wenn man annehmen dürfte, daß die im Markt
erfolgreiche Software, solche Funktionen bietet, bleibt die Feststellung, daß damit
allenfalls Reaktionen auf abgelaufene Aktionen möglich sind. Nicht möglich
sind damit jedoch so unabdingbare Bestandteile eines
Workflow-Managements wie die vom Ergebnis einer Instanz abhängige Umsteuerung von
einer Instanz auf eine andere, sofern die nunmehr benötigten Prozesse nicht
in der aktuell handelnden Instanz zur Verfügung stehen. Letztlich ist ein
Jobticket für ein Workflow-Management nicht geeignet. Es hat zwar eine
beachtliche Funktionalität, jedoch lediglich in der permanenten Dokumentation
prozessualer Vorgänge und in der Versorgung nachlaufender Instanzen mit
Informationen aus vorlaufenden Prozessen.
4. Workflow-Management mit Hot-Folder-Technik
Die Hot-Folder-Technik hat nach bereits nach ihrer Definition eine Batch-
Funktionalität. Ein Vorgang muß die aktuelle Instanz durchlaufen und eine
neue Datei erzeugt haben. Erst danach können nachfolgende Instanzen
aktiv werden, die die Ausgabe-Folder der vorlaufenden Instanzen als
Eingangs-Folder haben. Die Hot-Folder-Technik belastet auf der Ebene der
Dateiverschiebung die Systemresourcen in erheblichen Umfang. Das gilt auch
dann, wenn eine Kopie oder eine Verschiebung der Daten prozeßtechnisch
nicht erforderlich wäre. Eine Anwendung von Techniken wie z.B. DDE ist in
der Hot-Folder-Technik nicht vorgesehen.
Die Hot-Folder-Technik gestattet lediglich das Aneinanderbinden von
Instanzen ohne interaktive Informationen und Reaktionen. So kann mangels eines
überwachenden Supervisors dem Anwender z.B. nicht mitgeteilt werden, in
welcher Instanz oder sogar in welchem Einzelprozeß sich die Verarbeitung
zum Zeitpunkt der Anfrage befindet. Eine Übersicht über z.B. den Stand der
Produktion ist deshalb nur umständlich und unvollständig möglich. Soweit
die die einzelnen Prozesse ausführende Instanz über keine eigene
Umsteuerung und Problemlösung verfügt, fehlt es bei der Hot-Folder-Technik an
einem Manager, der die Einbindung beliebiger Instanzen oder Prozesse zur
Lösung auftauchender Problemstellungen veranlaßt und überwacht.
Ein einfaches Beispiel soll das verdeutlichen: Es bestehen zwei
Arbeitsstrecken mit jeweils einem RIP und einem Belichter. Der eine Belichter kann
jedoch Formate bis A1, der andere lediglich bis A2 verarbeiten. Die beiden
RIPs werden jeweils aus einem ihm zugeordneten Hot-Folder versorgt, in
den die zu belichtenden Dateien aus den vorlaufenden Instanzen
automatisch einlaufen. Der A1-Belichter fällt aus. Da es keinen Workflow-Manager
gibt, erfahren die Vorinstanzen nichts von dem Ausfall. Die für den
ausgefallenen Belichter bestimmten Dateien laufen weiterhin in dessen Hot-Folder
ein. Obwohl der A2-Belichter nicht ausgelastet ist, werden keine für den A1-
Belichter bestimmten Dateien, die aber auch auf A2 belichtbar sind, zu dem
A2-Belichter geleitet.
Ein Workflow-Manager kann den Ausfall des Belichters gemeldet erhalten,
aus den Vorinstanzen die Geeignetheit bestimmter Dateien für die
Verarbeitung auf dem A2-Belichter feststellen und die geeigneten Dateien auf den
A2-Belichter umdirigieren. Der Workflow-Manager kann sogar die im Hot-
Folder für den A1-Belichter bereits befindlichen, aber für den A2-Belichter
geeigneten Dateien aus dem Hot-Folder des A1-Belichters entfernen und
dem A2-Belichter zur Verfügung stellen.
5. Der Workflow-Manager
Ein echtes Workflow-Management läßt sich nur durch einen interaktiv
agierenden Manager realisieren. Dieser muß unabhängig von durch beliebige
Instanzen definierten Prozessen agieren können. Dazu muß er mit den
einzelnen Instanzen direkt kommunizieren. Stati, Ergebnisse usw. werden dem
Manager gemeldet. Ein solcher Manager ist eine speziell für diese
Aufgabenstellung geschaffene Software, die vorhandene Instanzen steuert. Der
Manager kommuniziert mit den Instanzen, er erledigt jedoch selbst keine
Aufgabenstellungen dieser Instanzen.
Alle aus den Prozessen gewonnenen Informationen werden dem Manager
von den Instanzen mitgeteilt und vom Manager in einer zentralen Datenbank
gesammelt, geordnet, ausgewertet und verwertet. So kann er zu jedem
Zeitpunkt Auskunft darüber geben, in welchem Prozeß sich der laufende
Vorgang befindet, ob er in der Planzeit liegt oder in welchem Umfang er davon
abweicht. Über alle vorhandenen Information kann der Manager zu jeder Zeit
einen Report zur Verfügung stellen.
Der Manager kann im Rahmen vorgeplanter Arbeitsstrecken und
alternativer Instanzen in Abhängigkeit von definierbaren Bedingungen dirigieren und
umdirigieren und so Pannen vermeiden oder zumindest der Folgen mildern.
Dort, wo es notwendig ist, kann der Manager den menschlichen Supervisor
auf einen Handlungs- oder Entscheidungsbedarf aufmerksam machen.
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